Als bekennende Faschingsmuffel hatten wir keine so große Lust auf den „normalen“ Karneval mit seinen Umzügen.
So ganz wollten wir den Karneval dann aber doch nicht an uns vorbeiziehen lassen. Also machten wir uns im Internet auf die Suche, ob wir nicht doch irgendwo auf unserer Route einen Fasching nach unserem Geschmack finden würden.
So kamen wir auf den Carnaval Hurdano, den traditionellen Karneval in den Hurdes, einer abgelegenen Ecke im Norden der Extremadura.
Er findet jedes Jahr am Faschingssamstag in einem anderen Dorf statt, diesmal in dem Weiler Azabal.
Laut Programm sollte es um 11 Uhr beginnen. Wir waren natürlich pünktlich zur Stelle - viel zu bald. Noch war gar nichts los.
Auf die Frage, wann es denn losginge erhielten wir die pragmatische Antwort: „Das hört man dann schon“.

Beim Carnaval Hurdano kommt keine Musik aus Lautsprechern. Flötenspieler-Trommler sorgen für die musikalische Untermalung.
Die Flöten, mit nur drei Löchern, werden mit einer Hand bedient, so dass die andere zum Trommeln frei bleibt.

Nach und nach kamen die ersten Verkleideten auf den Kirchplatz.
Die Kostüme folgen teils jahrhundertealten Traditionen und stellen Figuren aus der Mythologie der Hurdes dar. Oft sind es Mischwesen aus Mensch und Ziegenbock.
Zuschauer durften auch verkleidet kommen, aber nur in traditionellen Kostümen. „Das ist kein Plastik-Karneval“, war die deutliche Ansage.

Während sich der Platz langsam füllte, wurden lokale Süßigkeiten („alles hausgemacht“) und Aguardiente, Schnaps, verteilt.

Viele weitere Figuren kamen auf den Platz, ein großer Reisebus aus den Nachbardörfern entließ seine Fahrgäste und so herrschte bald ein rechter Trubel auf der Plaza.

Früh übt sich…

In der nächsten halben Stunde waren alle, Zuschauer und Teilnehmer, mit Fotografieren beschäftigt: Porträts der Figuren, Selfies und vor allem Gruppenfotos.

Das Foto mit allen aktiven Teilnehmern war der Schlusspunkt der Foto-Session.

Dann rief der Zeremonienmeister zur ersten Runde durch das Dorf auf.

Auch der Frühling war inzwischen eingetroffen.

Während des ganzen Umzuges spielten die Musiker. Die Knochenkette diente als Schrapinstrument.

Der Zug war auf der Suche nach der Karnevalskönigin, die sich im hintersten Haus versteckte.

Stets mit dabei: der „Morcillu“, eine lebensgroße Strohpuppe, halb Ziegenbock, halb Mensch, der vor allem durch sein eindrucksvolles Gehörn auffällt.

Wieder zurück auf der Plaza, hatten sich mehrere Vertreter der Kirche eingefunden

Der Padre Piolo geht auf eine Person aus dem 18. Jahrhundert zurück. Man erzählt sich, dass er in jedem Dorf eine Geliebte gehabt hätte.
Der Penis unter der Kutte konnte mit einer Schnur in die aufrechte Stellung gebracht werden.

Am Rücken der Kutte sind die Hörner angebracht, die er den Männern in den Dörfern aufgesetzt hatte.

Auch ein besonders wilder Geselle kam hinzu.

Immer wieder tanzten die Frauen, zu zweit oder in größeren Gruppen.

Zum Mittagessen gab es Bohnensuppe mit Schweinsohren für alle.

Nach dem Essen war zwei Stunden Siesta, bis zur nächsten Runde durch das Dorf aufgerufen wurde.

So sehr sich alle nach dem vielen Regen über den strahlenden Sonnenschein freuten, für die Fotografen stellten die harten Kontraste eine Herausforderung dar. Wie schön war da das diffuse Licht in den engen Gassen!

Auf der Plaza stand der nächste Programmpunkt an: die Niederkunft der Tía („Tante“) Rechoncha.
Die hochschwangere „Tante“ lief mit lautem Klagen ein paar Mal im Kreis, um sich schließlich auf den Boden zu legen und ihr Kind zu gebären.

Schließlich wurde das Neugeborene in die Höhe gehalten und die Menge gefragt, wie es denn getauft werden soll.
Die Antwort war: „Carnevalero“!

Danach wurde die Königin gekrönt. Bisher war es wohl stets ein König, aber in diesem Jahr krönten sie eine Königin.
Eigentlich hätte sie auf einem Esel durch das Dorf reiten sollen, aber irgendwie konnten sie keinen auftreiben.

Als letzter Programmpunkt ereilte den Morcillu das Schicksal.
Der Legende nach mussten die Männer der Hurdes in den Krieg ziehen und ihre Frauen zurücklassen.
Diese riefen dann den Morcillu in die Dörfer, damit er sie befriedige, was dieser auch gerne und ausgiebig tat.
Als die Männer zurückkamen und das mitbekamen, waren sie weniger erfreut.
So wurde der Morcillu zuerst erhängt und mit dem Stock geschlagen …

… und anschließend verbrannt. Traditionell hätten die anwesenden Frauen das laut beklagen sollen, aber trotz mehrmaliger Aufforderung ließ sich diesmal keine dazu animieren.

Zu guter Letzt wurden mehrere Säcke Holzkohle zum Glimmen gebracht und Kartoffeln gegart, die mit Speck und süßem Wein serviert wurden.
Bis sie endlich fertig waren, dauerte es eine Weile. Die Temperatur fiel auf 6 Grad und so versammelten sich alle, die sich nicht im Wirtshaus aufwärmten, um die heiße Glut.

Uns hat der Carnaval Hurdano sehr gut gefallen.
Alle hatten ihren Spaß, Alkohol wurde getrunken, aber getorkelt ist keiner und so wild auch manche Figuren aussahen, sie waren doch sehr friedlich.

¡Hasta luego!